Medis und jede Menge tote Tiere
Verfasst: 27.07.2017, 09:24
Liebe Leute,
ZIegenhaltung ist für viele hier Hobby. Für mich auch. Ihr könnt damit Biodiversität fördern und ihr könnt dazu beitragen, dass sie weiter schwindet. Es liegt an Euch.
Gestern stöberte ich etwas durch die Forenthemen, dabei ist mir aufgefallen, dass teils recht lax mit prekären Medikamenten zur Problemlösung von (vermeintlichen) Wehwehchen der Ziegen geworben wird. Allen voran mit den sobezeichneten Avermectinen, zu denen auch Ivermectin gehört. Das ist ein Anthelmintikum, sprich, es wirkt gegen parasitierende Würmer in der Ziege. Während das Mittel durch die Ziege (oder alle Wiederkäuer, Equiden,...) wandert, entstehen Metabolite, also chemische Verbindungen, die noch eine ähnliche Struktur haben und die werden dann ausgeschieden und sind im Kot und wirken dort auf Nicht-Ziel-Organismen.
Nun muss man wissen, dass sehr, sehr viele (Insekten-)Arten auf Dung spezialisiert sind. Bekannt sind den Laien meistens nur zwei Gruppe: die Dunkäfer, auch "Pillendreher". Und irgendwie gibt es noch Fliegen. Das sind aber nur Gruppen, mit ganz vielen verschiedenen Arten. Deren Rolle im Ökosystem ist herausragend. Erstens bringen etwa die Pillendreher den Dung unter die Erde und spielen damit eine ganz wesentliche Rolle im Nährstoffkreislauf. Zweitens bauen all diese Arten den Dung rasch ab. Auch das ist sehr wichtig, etwa, weil klimaschädliche Gase so sehr viel weniger vom Dung emittiert werden. Drittens sind diese Insekten Nahrung für sehr viele andere Tiere. Und das ist ganz entscheidend, denn die Dungfauna ist im Jahr wesentlich länger aktiv als andere (hier:) Insekten. Der Grund dafür ist der Dung selbst, denn er ist recht warm, vor allem weil er dunkel ist und sich aufwärmt, wenn die Sonne scheint. Ihr kennt sicher alle den Wiedehopf. Der hat ja so einen langen Schnabel. Was viele nicht wissen: Diesen Schnabel hat er nur, damit er im Dung nach Insekten suchen kann! Viele Fledermäuse, z.B. das Mausohr oder die Hufeisennase sind in den kühleren Jahreszeiten auf Dungfauna als Nahrungsgrundlage angewiesen, da nur noch deren Arten überhaupt aktiv sind. Auch viele Schmetterlinge (Bläulinge) saugen an Dung, auch viele Würmer, viele Pilze und und und sind direkt auf das Vorhandensein von Dung angewiesen. Die Liste ließe sich vorsetzen, dass der Dung aber eine ganz zentrale Rolle in unseren Ökosystemen einnimmt dürfte nun klar sein.
Zurück zu den Avermectinen, deren Wirkung außerhalb der Ziege vor allem auf Fliegen und Käfer hin untersucht wurde. Avermectin-Metabolite im Kot sind noch mindestens sechs Wochen hoch aktiv. Diese Stoffe riechen offenbar gut und locken noch stärker als der Dung selbst die Insekten an. Und: Sie sind tödlich. Für alle Fliegenlarven (Diptera) zu 100% tödlich in diesen sechs Wochen, danach schwächt sich die Wirkung etwas und kontinuierlich, ist aber noch weiter für viele Individuen letal. Auf die Gruppe der Dungkäferlarven wirken die Metabolite zu 60% letal. Ohne Avermectine ist der Dung Eurer Ziegen also ein Hort des Lebens. Mit diesen Mitteln ist er eine Falle für viele Arten und eine Senke der Artenvielfalt, da er Insekten anzieht, die sich dort nicht reproduzieren können, es aber im Irrglauben versuchen. Die adulten Käfer oder Fliegen sind übrigens nicht betroffen. Lasst Euch von deren Vorhandensein also nicht täuschen! Ist der Kot mit Medikamenten kontaminiert, könnt ihr gerade beobachten, wie viele Eier gelegt werden, deren Larven sofort sterben werden.
Das Insektensterben hat viele Gründe, ein ganz wesentlicher ist in der "Versorgung" unserer Nutztiere mit Medikamenten zu finden. Die Massentierhaltung könnte Ihr kaum ändern, aber bei Euren Ziegen, da kann jeder hier was tun!
Neben den Avermectinen - die eine herausragend toxische Wirkung haben - wird hier in den Foren noch allerhand anderes Zeug empfohlen, etwa gegen Bremsen und Fliegen, die die Tiere angeblich stören. Vieles davon ist auf die Wirkung auf Nicht-Ziel-Organismen überhaupt nicht untersucht, dafür gibt es auch kaum Forschungsgelder, Ihr könnt Euch vorstellen warum. Gleich vorab: Ziegen sollen und dürfen nicht leiden! Wenn Sie akut krank sind, muss behandelt werden, das ist doch klar! Der Frevel besteht darin, dass viel, viel, viel zu viele dieser Mittel viel zu schnell verabreicht werden. Auch die Mittel gegen Bremsen etc. sind über Regen und dann im Boden für viele Kleinstlebewesen absolut tödlich. Untersuchungen in Gebieten, bei denen mit Medikamenten kontaminierte Gülle ausgebracht wurde, zeigten, dass das Bodenleben, quasi auf Null runter gefahren ist.
Ihr könnt mit Euren Ziegen Artenvielfalt in der Landschaft fördern und Ihr könnt dazu beitragen, dass sie weiter schwindet. Es liegt an Euch. Es gibt dabei nicht allzu viel zu beachten: Wenn immer möglich, solltet ihr auf den Einsatz von Medikamenten verzichten. Ziegen sind hart im Nehmen, eine prophylaktische Behandlung mit was auch immer, ist aus Sicht des Natur- und Umweltschutzes und somit auch aus Sicht der überwiegenden Mehrheit unserer Mitbürger ein absolutes NoGo!
Haltet Euch nur so viele Ziegen, wie die Fläche auch hergibt! Zu viele Tiere zerstören die Grasnarbe, vernichten die Vielfalt der Pflanzenarten und mit diesen gehen die Insekten, die Spinnen, das Bodenleben, werden "Klimagase" aus dem Boden freigesetzt etc. Lasst dann und wann mal Eure Fläche wieder regenerieren, teilt also Eure Fläche in zwei (oder mehr) Teile. Wer im Zeitraum von März bis September zufüttern muss, der hat ein starkes Indiz dafür, dass er zu viele Tiere auf der Fläche hat und kontraproduktiv für die Artenvielfalt ist. Kauft Euer Futter - wenn ihr nicht darauf verzichten könnt - trocken und regional. Keine Silage, keine Zeug, dass von irgendwoher angekarrt werden muss. Silage-Betrieb erzeugt Artenarmut, da das Grünland geschnitten wird, wenn die Blumen darin noch keine Samen haben. Bei Heuschnitt ist das genau nicht der Fall und das ist also förderlich für die Artenvielfalt, wo Silage Armut erzeugt. Silage verfüttert aber ja hoffentlich keiner ?!
So mal ganz kurz, es gäbe noch so viel zu berichten ;)
ZIegenhaltung ist für viele hier Hobby. Für mich auch. Ihr könnt damit Biodiversität fördern und ihr könnt dazu beitragen, dass sie weiter schwindet. Es liegt an Euch.
Gestern stöberte ich etwas durch die Forenthemen, dabei ist mir aufgefallen, dass teils recht lax mit prekären Medikamenten zur Problemlösung von (vermeintlichen) Wehwehchen der Ziegen geworben wird. Allen voran mit den sobezeichneten Avermectinen, zu denen auch Ivermectin gehört. Das ist ein Anthelmintikum, sprich, es wirkt gegen parasitierende Würmer in der Ziege. Während das Mittel durch die Ziege (oder alle Wiederkäuer, Equiden,...) wandert, entstehen Metabolite, also chemische Verbindungen, die noch eine ähnliche Struktur haben und die werden dann ausgeschieden und sind im Kot und wirken dort auf Nicht-Ziel-Organismen.
Nun muss man wissen, dass sehr, sehr viele (Insekten-)Arten auf Dung spezialisiert sind. Bekannt sind den Laien meistens nur zwei Gruppe: die Dunkäfer, auch "Pillendreher". Und irgendwie gibt es noch Fliegen. Das sind aber nur Gruppen, mit ganz vielen verschiedenen Arten. Deren Rolle im Ökosystem ist herausragend. Erstens bringen etwa die Pillendreher den Dung unter die Erde und spielen damit eine ganz wesentliche Rolle im Nährstoffkreislauf. Zweitens bauen all diese Arten den Dung rasch ab. Auch das ist sehr wichtig, etwa, weil klimaschädliche Gase so sehr viel weniger vom Dung emittiert werden. Drittens sind diese Insekten Nahrung für sehr viele andere Tiere. Und das ist ganz entscheidend, denn die Dungfauna ist im Jahr wesentlich länger aktiv als andere (hier:) Insekten. Der Grund dafür ist der Dung selbst, denn er ist recht warm, vor allem weil er dunkel ist und sich aufwärmt, wenn die Sonne scheint. Ihr kennt sicher alle den Wiedehopf. Der hat ja so einen langen Schnabel. Was viele nicht wissen: Diesen Schnabel hat er nur, damit er im Dung nach Insekten suchen kann! Viele Fledermäuse, z.B. das Mausohr oder die Hufeisennase sind in den kühleren Jahreszeiten auf Dungfauna als Nahrungsgrundlage angewiesen, da nur noch deren Arten überhaupt aktiv sind. Auch viele Schmetterlinge (Bläulinge) saugen an Dung, auch viele Würmer, viele Pilze und und und sind direkt auf das Vorhandensein von Dung angewiesen. Die Liste ließe sich vorsetzen, dass der Dung aber eine ganz zentrale Rolle in unseren Ökosystemen einnimmt dürfte nun klar sein.
Zurück zu den Avermectinen, deren Wirkung außerhalb der Ziege vor allem auf Fliegen und Käfer hin untersucht wurde. Avermectin-Metabolite im Kot sind noch mindestens sechs Wochen hoch aktiv. Diese Stoffe riechen offenbar gut und locken noch stärker als der Dung selbst die Insekten an. Und: Sie sind tödlich. Für alle Fliegenlarven (Diptera) zu 100% tödlich in diesen sechs Wochen, danach schwächt sich die Wirkung etwas und kontinuierlich, ist aber noch weiter für viele Individuen letal. Auf die Gruppe der Dungkäferlarven wirken die Metabolite zu 60% letal. Ohne Avermectine ist der Dung Eurer Ziegen also ein Hort des Lebens. Mit diesen Mitteln ist er eine Falle für viele Arten und eine Senke der Artenvielfalt, da er Insekten anzieht, die sich dort nicht reproduzieren können, es aber im Irrglauben versuchen. Die adulten Käfer oder Fliegen sind übrigens nicht betroffen. Lasst Euch von deren Vorhandensein also nicht täuschen! Ist der Kot mit Medikamenten kontaminiert, könnt ihr gerade beobachten, wie viele Eier gelegt werden, deren Larven sofort sterben werden.
Das Insektensterben hat viele Gründe, ein ganz wesentlicher ist in der "Versorgung" unserer Nutztiere mit Medikamenten zu finden. Die Massentierhaltung könnte Ihr kaum ändern, aber bei Euren Ziegen, da kann jeder hier was tun!
Neben den Avermectinen - die eine herausragend toxische Wirkung haben - wird hier in den Foren noch allerhand anderes Zeug empfohlen, etwa gegen Bremsen und Fliegen, die die Tiere angeblich stören. Vieles davon ist auf die Wirkung auf Nicht-Ziel-Organismen überhaupt nicht untersucht, dafür gibt es auch kaum Forschungsgelder, Ihr könnt Euch vorstellen warum. Gleich vorab: Ziegen sollen und dürfen nicht leiden! Wenn Sie akut krank sind, muss behandelt werden, das ist doch klar! Der Frevel besteht darin, dass viel, viel, viel zu viele dieser Mittel viel zu schnell verabreicht werden. Auch die Mittel gegen Bremsen etc. sind über Regen und dann im Boden für viele Kleinstlebewesen absolut tödlich. Untersuchungen in Gebieten, bei denen mit Medikamenten kontaminierte Gülle ausgebracht wurde, zeigten, dass das Bodenleben, quasi auf Null runter gefahren ist.
Ihr könnt mit Euren Ziegen Artenvielfalt in der Landschaft fördern und Ihr könnt dazu beitragen, dass sie weiter schwindet. Es liegt an Euch. Es gibt dabei nicht allzu viel zu beachten: Wenn immer möglich, solltet ihr auf den Einsatz von Medikamenten verzichten. Ziegen sind hart im Nehmen, eine prophylaktische Behandlung mit was auch immer, ist aus Sicht des Natur- und Umweltschutzes und somit auch aus Sicht der überwiegenden Mehrheit unserer Mitbürger ein absolutes NoGo!
Haltet Euch nur so viele Ziegen, wie die Fläche auch hergibt! Zu viele Tiere zerstören die Grasnarbe, vernichten die Vielfalt der Pflanzenarten und mit diesen gehen die Insekten, die Spinnen, das Bodenleben, werden "Klimagase" aus dem Boden freigesetzt etc. Lasst dann und wann mal Eure Fläche wieder regenerieren, teilt also Eure Fläche in zwei (oder mehr) Teile. Wer im Zeitraum von März bis September zufüttern muss, der hat ein starkes Indiz dafür, dass er zu viele Tiere auf der Fläche hat und kontraproduktiv für die Artenvielfalt ist. Kauft Euer Futter - wenn ihr nicht darauf verzichten könnt - trocken und regional. Keine Silage, keine Zeug, dass von irgendwoher angekarrt werden muss. Silage-Betrieb erzeugt Artenarmut, da das Grünland geschnitten wird, wenn die Blumen darin noch keine Samen haben. Bei Heuschnitt ist das genau nicht der Fall und das ist also förderlich für die Artenvielfalt, wo Silage Armut erzeugt. Silage verfüttert aber ja hoffentlich keiner ?!
So mal ganz kurz, es gäbe noch so viel zu berichten ;)